Flüsse versiegen: Deutsche Bundesländer lassen Lkw sonntags fahren
Die Flüsse versiegen, was in Deutschland zu extremen Maßnahmen führt. Mindestens vier deutsche Bundesländer heben vorübergehend das Fahrverbot auf, das Lkw seit 1956 sonntags von den Autobahnen fernhält. Die Maßnahme soll eine Alternative zum ins Stocken geratenen Transport auf dem Wasserweg bieten.
In weiten Teilen Deutschlands ist die Logistik zum Erliegen gekommen, da die Flüsse aufgrund der anhaltenden Trockenheit nicht oder nur eingeschränkt befahrbar sind. Spediteure suchen daher massenhaft nach Alternativen zum Transport per Schiff. Die Notmaßnahme ist bereits an diesem Wochenende in Kraft getreten.
Flüsse nicht befahrbar: Sonntagsfahrverbot vorübergehend aufgehoben
Da die Flüsse austrocknen, liegt der Einsatz von Lkw auf der Hand. Bislang durften diese jedoch an Sonn- und Feiertagen bis 22:00 Uhr nicht auf die Straße. Im Juli und August gilt dieses Verbot auch samstags von 7.00 bis 20.00 Uhr, da dann auf der Autobahn mehr Urlaubsverkehr herrscht.
Jedenfalls haben Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, das Saarland und Niedersachsen beschlossen, dass die Lage es erfordert. Sie heben das sogenannte Sonntagsfahrverbot für Lkw vorübergehend auf. In einigen Bundesländern gilt die Notmaßnahme bis Ende dieses Monats, in anderen sogar bis Ende September.
Die vier Bundesländer folgen damit einem Aufruf des neu ernannten Verkehrsministers Steffen Bilger (CDU). „Das Wetter können wir nicht ändern“, so der Minister gegenüber der ARD-Tagesschau, „aber wir können dafür sorgen, dass die Wirtschaft diese schweren Wochen übersteht.“ Möchten Sie mehr über den Straßengüterverkehr erfahren? Schauen Sie auf der Seite Straßengüterverkehr nach.
Niedrige Wasserstände betreffen Rhein, Donau und Elbe
Die große Dürre beeinträchtigt den Schiffsverkehr auf Rhein, Donau und Elbe sowie auf den Nebenflüssen und Kanälen, die in diese Flüsse münden. Aufgrund der niedrigen Wasserstände können Schiffe an manchen Stellen nur noch 20 Prozent ihrer üblichen Ladekapazität nutzen.
Die Ladung muss dann auf mehrere Schiffe verteilt werden, was die Preise in die Höhe treibt. Der Preis für den Gütertransport auf dem Wasserweg von Rotterdam nach Karlsruhe ist auf 60 bis 70 Euro pro Tonne gestiegen, gegenüber 45 Euro im Juni, wie Händler gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters angaben.
Für Verlader, die auf die Binnenschifffahrt angewiesen sind, bedeutet dies höhere Kosten und längere Durchlaufzeiten. Wer regelmäßig den Transport auf Flüssen nutzt, tut gut daran, Alternativen in petto zu haben. Erfahren Sie mehr über die Möglichkeiten des Binnenschiff- und intermodalen Transports.
Sechzig bis hundert Lkw für ein Schiff
Der Ersatzbedarf ist enorm. Schon schnell werden sechzig bis hundert Lkw benötigt, um ein voll beladenes Frachtschiff zu ersetzen. Minister Bilger will daher auch prüfen, ob Güterzüge eine Alternative zu den stillgelegten Flüssen bieten können.
Experten weisen jedoch darauf hin, dass die deutsche Bahn, die schon seit längerem an ihre Grenzen stößt, nicht über die Kapazitäten verfügt, um den wegfallenden Schiffsverkehr vollständig aufzufangen. Auch das Schienennetz hat mit Instandhaltungsrückständen und stark ausgelasteten Korridoren zu kämpfen.
In der Praxis wird die Lösung daher aus einer Kombination verschiedener Verkehrsträger bestehen müssen: teils Straße, teils Schiene und, wo möglich, dennoch Binnenschifffahrt mit begrenzter Ladekapazität. Mehr zum Thema Schienenverkehr finden Sie auf der Seite Rail.
Gewerkschaften fordern Entschädigung für Fahrer
Minister Bilger beriet am vergangenen Donnerstag mit Arbeitgeberverbänden und den Gewerkschaften über die Krisensituation. Vor allem letztere haben Bedenken hinsichtlich des Plans. Sie argumentieren, dass die Fahrer an Lenk- und Ruhezeiten gebunden sind, wodurch die erwartete Entlastung möglicherweise ausbleibt.
Ein Lkw-Fahrer, der sonntags hinter das Steuer steigt, müsse entschädigt werden, sagt Dirk Engelhardt vom Verband für Güterverkehr, Logistik und Abfallwirtschaft. Der Lkw stehe dann einfach an einem anderen Wochentag still, warnt er.
Die Gewerkschaften befürchten zudem, dass der Beruf des Fahrers nicht attraktiver wird, wenn Lkw-Fahrer auch sonntags fahren müssen. Bereits jetzt herrscht in Deutschland laut den Gewerkschaften ein Mangel von 100.000 Fahrern. Wer das Sonntagsfahrverbot allein aus wirtschaftlichen Erwägungen in Frage stellt, beeinträchtigt die Arbeits- und Lebensbedingungen von Hunderttausenden Berufskraftfahrern, erklärt der Logistikexperte Uwe Köpke vom Gewerkschaftsverband Ver.di.
Das Fahrverbot besteht seit 1956 und wurde auch während der Corona-Pandemie aufgehoben
Es ist nicht das erste Mal, dass das Fahrverbot einer Krise weicht. Vor sechs Jahren wurde das Verbot an Sonn- und Feiertagen ebenfalls vorübergehend ausgesetzt, als die Corona-Pandemie die deutsche Logistik durcheinanderbrachte.
Das Sonntagsfahrverbot wurde 1956 eingeführt, um den Schwerlastverkehr an dem Tag zu verbannen, an dem die meisten Deutschen Ausflüge unternahmen, um sich von der Arbeitswoche zu erholen. Im Jahr 1969 wurde das Fahrverbot auf die Samstage im Juli und August ausgeweitet.
Aufgrund der vorübergehenden Aufhebung müssen Autofahrer an diesem Wochenende also damit rechnen, dass sie auf den deutschen Autobahnen zwischen den Lkw fahren, auch am Sonntag.
Austrocknende Flüsse
Für Importeure und Exporteure, die Waren über das europäische Hinterland transportieren, sind die Folgen unmittelbar spürbar. Niedrigwasserzuschläge, wie der bekannte „Low Water Surcharge“, können die Kosten einer Sendung erheblich in die Höhe treiben. Zudem verlängern sich die Transitzeiten, wenn Fracht umgeladen oder auf den Straßen- oder Schienenverkehr umgebucht werden muss.
Das erfordert eine gute Vorbereitung. Unternehmen tun gut daran, rechtzeitig Tarife einzuholen, verschiedene Verkehrsträger zu vergleichen und Zuschläge sowie längere Durchlaufzeiten zu berücksichtigen. Flexibilität bei der Planung ist in diesem Markt Gold wert.
TOP verfolgt aufmerksam die Wasserstände auf den Flüssen, die Kapazitäten im Straßentransport und die Entwicklungen im Schienenverkehr. Gemeinsam mit unseren Kunden erarbeiten wir aktiv die beste Kombination aus Transportarten, Kosten und Transitzeiten. Möchten Sie wissen, was die aktuelle Situation für Ihre Sendungen bedeutet? Dann fordern Sie einfach ein Angebot an oder lesen Sie mehr über Incoterms.
…es sechzig bis hundert Lkw braucht, um ein voll beladenes Binnenschiff zu ersetzen? Wenn Flüsse austrocknen, wird auf der Straße also schnell ein Vielfaches an Kapazität benötigt, um dieselbe Ladung zu transportieren.
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